Sachbuch

Alles Klasse

Hanno Sauer | Klasse. Die Entstehung von Oben und Unten
ISBN : 978-3-492-07141-3
Verlag: Piper
Erscheinungsjahr: 2025
368 Seiten

In seinem Buch Klasse seziert Hanno Sauer die Klassengesellschaft und spürt den feinen Unterschieden zwischen Oben und Unten nach. Weder Geld noch Bildung machen den Unterschied, vielmehr sind Lebensstil und Geschmack, Werte und Beziehungen die entscheidenden Währungen im Statuswettbewerb, meint Sauer und verweist die klassenlose Gesellschaft ins Reich der Utopie. Die Existenz von Statusunterschieden sei zwar zu bedauern, aber es bleibe nichts anderes übrig, als sich mit ihnen abzufinden.

Wenn ein Buch mit einem Begriff titelt, der Staub angesetzt hat und etwas altmodisch klingt, dann ist für gewöhnlich nicht viel Neues zu erwarten – oder das exakte Gegenteil: Umwerfendes und Umwälzendes. Hanno Sauers Buch Klasse ist ein solcher Fall, in dem sich der Autor über 300 Seiten lang der gesellschaftlichen Sortierung in Oben und Unten widmet, obgleich Klasse als Analysekategorie etwas aus der Mode gekommen ist. Allen voran Helmut Schelsky („nivellierte Mittelstandsgesellschaft“) und Ludwig Beck fanden den Klassenbegriff nicht mehr tauglich zur Analyse moderner Gesellschaften und ihrer sozialen Verteilungskonflikte, weil man Klassenverhältnisse angesichts einer modernisierten Sozialstruktur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für überwunden hielt. In den 1980er Jahren entdeckte die Soziologie das Phänomen der Individualisierung, stellte eine Pluralisierung von Lebensstilen fest und verabschiedete sich in diesem Zuge vom Klassenbegriff. Mit seinem Buch Klasse. Die Entstehung von Oben und Unten reiht sich nun Hanno Sauer in die Riege derjenigen ein, die in jüngerer Zeit eine neue Debatte über die Klassengesellschaft anstießen – wobei, so viel vorab, der Autor dies keinesfalls mit klassenkämpferischem Impetus tut.

Hanno Sauer macht kein Geheimnis aus seinem familiären Hintergrund und den sozialen Verhältnissen, in denen er aufwuchs: „[M]eine Eltern sind beide promoviert, und der akademische Habitus ist meine Kinderstube.“ Freimütig gibt er zu, ohne viel eigenes Zutun von Klassenprivilegien stets profitiert zu haben. Eine Wiederbelebung der marxistischen Theorie liegt Sauer in der Tat fern. Klassenkampf wird in seinem Buch denn auch zuvorderst als Wettbewerb um Status und Prestige abgehandelt. Denn, so die Klassendefinition und zentrale These des Buchs: „Klasse ist sozial konstruierte Knappheit.“ Bei seinen Überlegungen stützt sich Hanno Sauer auf Karl Marx, Thorstein Veblen und Pierre Bourdieu und setzt sich selbst zum Ziel, deren Klassentheorien neu zu lesen und darüber hinauszudenken. Das Ergebnis ist eine Theorie fälschungssicherer, weil teurer Signale. Im Wesentlichen überträgt Sauer das in Verhaltenswissenschaft, Ökonomie und Soziologie angewandte Signaling-Konzept auf Klassenverhältnisse. Demnach dienen Pfauenfedern und Löwenmähnen keinem anderen Zweck als Produktgarantien, Markenlogos und Bio-Labels: Sie überwinden Informationsasymmetrien. Und im vorliegenden Fall werden verschiedenste Symbole dann eben eingesetzt, um bestimmte Informationen über den sozialen Status des jeweiligen Besitzers zum Ausdruck zu bringen.

In Gesellschaften scheint es einen Wettbewerb um Status zu geben, in dem sich alles um die Platzierung in der sozialen Rangfolge dreht. Dabei findet die jeweilige Stellung in der Statushierarchie ihren sichtbaren Ausdruck in materiellem Reichtum – mein Haus, mein Auto, mein Boot. Aber dies ist längst nicht alles: Seit Bourdieu weiß man, dass es ist nicht nur demonstrativer Konsum ist, der als Distinktionsmittel fungiert, auch Geschmack, Lebensstil und moralische Haltungen sowie Sprache und Aussprache kommen als Währung im Spiel um die soziale Vorrangstellung zum Einsatz. Solcherlei Statussymbole dienen als Signale der Zugehörigkeit zu einer Statusgruppe und müssen kostspielig sein, um Fälschung zu verhindern und Exklusivität durch die Abgrenzung nach unten hin zu garantieren. Dabei geht es nach Sauer gerade nicht nur darum, den eigenen Reichtum ostentativ zur Schau zu stellen, vielmehr weist sich als einer höheren Schicht angehörig aus, wer sogenannte Kontersignale sendet, die darin bestehen, „sich leisten zu können, das teure Signal nicht zu senden“. Und am obersten Ende der Hierarchie kommen vergrabene Signale zum Einsatz, die zum Ausdruck bringen, dass man es sich leisten kann, dass die eigenen teuren Signale nur von sehr wenigen Eingeweihten überhaupt wahrgenommen werden. Unausgesprochene und für Nichteingeweihte unsichtbare Symbole wirken wie eine Art gläserne Decke und schirmen die sozialen Eliten gegen Möchtegern-Aufsteiger ab.

Es ist, daran besteht kein Zweifel, ein Blick von oben auf das Oben, welcher in Sauers Buch auf die Klassenfrage geworfen wird. So verdeutlichen denn auch die ungezählten Selbstbekenntnisse des Autors, sich selbst ganz oben zu verorten nicht nur die Sprecherposition, zugleich aber auch das bevorzugte Erkenntnisinteresse: Es sind die Symbole der Upper Class, auf die Sauer sein Augenmerk richtet und in deren Logik der Verknappung er Einblicke gibt. Platz für die Erfahrungswelt anderer Klassen räumt das Buch nicht ein. Der Autor schiebt der Möglichkeit, sich anderen Klassen anzunähern, ja sogleich auch einen Riegel vor, wenn er den „Einsichtsvorsprung durch Elitentourismus“ eine Illusion nennt. Umgekehrt scheint es kein Problem zu bereiten, dass der Autor die Upper Class für im Besitz des besseren Geschmacks, der höherstehenderen Moral, des umfangreicheren Wissens und der reichlicheren Fähigkeiten hält.

Das obere Ende der so gezeichneten Klassengesellschaft weist damit eine große Ähnlichkeit mit jenen auf, die Catherine Liu „Virtue Hoarders“ („Tugendpächter“) genannt hat, um sich polemisch mit jener Klasse auseinanderzusetzen, die alle möglichen Tugenden – von Bildung über Gerechtigkeitssinn bis Geschmack – exklusiv für sich reklamiert und anhäuft wie Geld und Luxusgüter. Es reicht nicht, die richtigen Klamotten und die richtige Uhr am Handgelenk zu tragen, mit dem richtigen Auto über die, ach, so anmutig unpraktische Kies-Auffahrt zu rollen, nein, man will auch moralisch auf der richtigen Seite stehen und weiß selbst am besten, welche Seite die richtige ist. Die zur Schau gestellte Tugendhaftigkeit ziele nicht nur auf Exklusivität und Abschottung, behauptet Liu, vielmehr gehe der erhobene Zeigefinger Hand in Hand mit einer Haltung, strukturelle Lösungen für die Ungleichheit zu vermeiden. Und mehr noch: Eine solche Strategie zur Aufrechterhaltung der kulturellen Dominanz sei reines Ablenkungsmanöver, der abgrenzende Moralismus diene dazu, kollektives Handeln zu untergraben und sich gesellschaftlichen Veränderungen in den Weg zu stellen.

In diesem Sinne kann es nicht überraschen, dass, wer die gesellschaftlichen Probleme lediglich durch die Brille der eigenen Oberschichtsherkunft betrachtet, den Status Quo der Klassenunterschiede für unumstößlich hält. Die klassenlose Gesellschaft sei nicht erreichbar, eine Utopie, aber unrealistisch, meint denn auch Sauer. Mit seinem Buch zieht er eine ernüchternde Bilanz: Dass die Klassengesellschaft mit ihren Statushierarchien und Klassenunterschieden nicht zu überwinden ist, könne man beklagen, ändern ließe sich an den Ungerechtigkeiten jedenfalls wenig. Politischen Interventionen spricht Sauer jegliche Erfolgsaussichten ab. Ihren Zweck könne Umverteilung nicht erfüllen, sei es doch schließlich nicht der Wettbewerb um knappe Güter, der für die Entstehung der Klassen ausschlaggebend sei, sondern der Versuch, soziale Statusfragen zu lösen. Marx wäre enttäuscht, aber mehr als ein Herumdoktern an Symptomen sei nicht drin. Ohne Zweifel listet Sauer gute Gründe auf, weshalb eine Politik scheitern muss, die sich an die Abschaffung der Klassengesellschaft macht. Ebenso wenig, das muss dazugesagt werden, ist der Autor um Erklärungen verlegen, weshalb Statusungleichheiten dem Funktionieren eines Gemeinwesens durchaus zuträglich sind. Insgesamt macht es sich doch etwas zu einfach, wer das Ringen um Statusunterschiede der menschlichen Natur zuschreibt und aus diesem Grund die Ungerechtigkeiten der Klassengesellschaft als nicht auflösbar beschreibt.

Hanno Sauer macht keinen Hehl daraus, dass er Klassen in erster Linie für symbolische Kategorien, nicht für ökonomische hält. Damit handelt sich das Buch freilich das Problem ein, dass dessen gesamte Analyse Schlagseite bekommt, wenn der Wettbewerb um Symbolisches den Wettbewerb um Materielles verdrängt. Die Rolle von Ökonomie bleibt konsequenterweise auf die Frage beschränkt, ob sich jemand die teuren Signale zur Statusabsicherung leisten kann. In letzter Konsequenz ist es dann eben doch das liebe Geld, das zählt, nur deutlich ausgesprochen wird es nicht. Weil im Zentrum der Aufmerksamkeit Status und Prestige als Oberflächenphänomene stehen, bleibt das gesamte Buch hinweg der Begriff „Klasse“ merkwürdig blass.

Nicht ohne Selbstironie bietet der Autor Lesern, die – aus statistischen Gründen naheliegenderweise – wahrscheinlich selbst nicht der Oberschicht entstammen, jede Menge Einblicke in die Subtilität des Signalisierens von Status, bemüht vielfältige Ideen, unterschiedliche Perspektiven und wissenschaftliche Erkenntnisse aus einer Reihe von Disziplinen und führt eindrucksvoll und unterhaltsam vor, dass wir gar nicht anders können, als uns in einem sozialen Umfeld zu bewegen, das hierarchisch nach Status gegliedert ist und es keinen Ausweg aus „diesem zynischen Spiel des Sich-Vergleichens“ gibt. Mit seinem Buch knüpft Hanno Sauer an eine häufig übersehene Widersprüchlichkeit an: In einer Gesellschaft, die sich fortlaufend sensibler für alle möglichen Diskriminierungen zeigt, bleibt Klassismus von der öffentlichen Wahrnehmung oftmals unerfasst. Obgleich der Autor das Plädoyer an den Beginn seines Buchs stellt, Klassismus wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken, drängt sich im Verlauf der Lektüre zunehmend der Eindruck auf, dass das Autoreninteresse ganz anders gelagert ist – Sprache, das hat sich der aufmerksame Leser gut gemerkt, sei das wahrscheinlich wichtigste Statussymbol und so wird man denn auch den Verdacht nicht los, dass das Geschriebene nicht zuletzt dazu dient, Distinktionssignale auszusenden.