Biographie
Lektionen in Realpolitik
Volker Reinhardt | Machiavelli oder Die Kunst der Macht. Eine Biographie
ISBN : 978-3-406-84080-7
Verlag: C.H.Beck
Erscheinungsjahr: 2025 (3., aktualisierte Auflage)
400 Seiten
Wer „Machiavellismus“ sagt, meint „Der Zweck heiligt alle Mittel“. Immer noch gilt Machiavelli vielen als Lehrmeister der Unmoral. In Machiavelli oder Die Kunst der Macht widerlegt Volker Reinhardt das populäre Bild von Machiavelli und seinen Lehren: Der Historiker stellt kenntnis- und detailreich dessen Lebensstationen dar, sucht nach prägenden Erfahrungen und veranschaulicht Machiavellis Antrieb und Geisteshaltung durch vielfältige Passagen aus dessen Werk. Gerade die differenzierte Deutung dieser umstrittenen historischen Figur gibt einen guten Eindruck davon, was auch 500 Jahre nach Machiavellis Tod dessen Lehren uns heute noch zu sagen haben.
Niccolò Machiavelli teilt mit Denkern wie etwa Platon, Hegel, Marx und Darwin die Bestimmung, dermaßen einflussreiche Ideen entwickelt zu haben, dass ihr Name fortan für ihre Lehren stehen sollte – oder besser gesagt: für das, was dafür gehalten wird und immer mit der Intention, seinen Missmut über den jeweiligen „Ismus“ kundzutun. Machiavellis Gedankengebäude ist bis heute derart wirkmächtig, dass mit dem Namen des Renaissancedenkers jene Form der kalten, rücksichtslosen Machtpolitik assoziiert wird, die den eigenen Vorteil über jegliche moralische Bedenken stellt: „Machiavellismus“ ist das geflügelte Wort für eine rein zweckorientierte Form der Politik, für die der Machterhalt den Einsatz aller Mittel rechtfertigt.
Ob nun Machiavelli mit dieser Etikettierung und damit verknüpften Lesart seiner Theorie einverstanden gewesen wäre, lässt sich nur vermuten. So ist etwa von Karl Marx ist die Aussage überliefert: „Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin.“ Mächtige Idee entwickeln ein Eigenleben und entwickeln sich in Richtungen weiter, die den Kern der ursprünglichen Intentionen nicht mehr in sich tragen. Mit allzu simplifizierenden Vereinnahmungen wollte Marx nichts zu tun haben. Auch was die Rede vom „Machiavellismus“ angeht, besteht wenig Zweifel daran, dass das verbreitete Bild eine hochgradig einseitige Darstellung dessen ist, was Machiavellis Schriften ausmacht. Mit seiner Biografie Machiavelli oder Die Kunst der Macht ist der Historiker Volker Reinhardt angetreten, dieses Bild gerade zu rücken und begibt sich dazu auf Spurensuche in Machiavellis Lebensgeschichte: Der Historiker und intime Kenner der italienischen Renaissance möchte die Auslöser jener Ideen eines so brillanten wie anstößigen Denkers finden, die noch heute jenen an den Schalthebeln der Macht als Blaupause dienen und umgekehrt auch vehementen Protest hervorrufen, „doch nie kaltlassen“.
Gleich zu Beginn stellt Reinhardt Machiavelli als „Provokateur“, „Querdenker“ und „Tabubrecher“ mit dem „Ruf der intellektuellen und moralischen Extravaganz“ vor. Man darf also gespannt sein. Mit seinem kenntnisreichen, lebhaften Schreibstil versteht es der Autor glänzend, die Zuschreibungen nach und nach durch Schilderungen Machiavellis bewegter Geschichte mit Leben zu füllen: Der erste große Meilenstein ist die „überraschende“ Wahl des diplomlosen und erst 29-jährigen Machiavelli zum Sekretär der Florentiner Regierung und Chef der Zweiten Kanzlei im Jahre 1498. Als überraschend wertet Reinhardt diese Berufung deswegen, weil Machiavelli bis dahin in der Öffentlichkeit nicht nennenswert in Erscheinung getreten ist, in der gewählten Funktion jedoch für Fragen der inneren und äußeren Politik, der Militärorganisation sowie diplomatischen Missionen zuständig sein sollte. Es waren die in dieser Rolle getätigten Reisen zu Kaiser und Papst, Königen und Kriegsherren, die Machiavelli Einblicke in die Politik mit all ihrer Taktik und Verstellungskunst gewährten. Auch Machiavelli selbst beherrscht das Spiel des Täuschens. Als wirksame Waffen sollten sich Machiavellis psychologisches Geschick und seine Wortgewandtheit erweisen, denn: „Die Kunst der Diplomatie bestand darin, die Wirklichkeit schöner erscheinen zu lassen als sie war“. Volker Reinhardt zeichnet ein farbenfrohes, lebendiges Bild von Machiavelli als Meister des Täuschungsmanövers und macht anschaulich, wie in der italienischen Renaissance intrigiert und um Macht gerungen wurde. So jäh Machiavellis Karriere begann, so abrupt endete sie im Jahre 1512 mit der Rückkehr der Medici an die Macht in Florenz denn auch wieder: Die neue alte Stadtregierung hat Zweifel an Machiavellis Loyalität, enthebt ihn nicht nur seines Amtes, Machiavelli wird dazu noch eingekerkert und gefoltert. Seines politischen Einflusses und Einkommens benommen, widmet sich Machiavelli dem Verfassen jener Schriften, die auch Jahrhunderte nach seinen Lebzeiten in aller Munde sein sollten.
Die Hinwendung zum Schreiben, so Reinhardts Deutung, ist auf die „innere Emigration“ Machiavellis zurückzuführen, nachdem sich dieser politisch ins Abseits gestellt und von Geldsorgen geplagt sah. Zurückgezogen zeichnet Machiavelli in dieser Zeit seine Erfahrungen in verschiedenen Abhandlungen auf, allen voran jene Schrift, die später unter dem Titel Il Principe (Der Fürst) zu größter Berühmtheit gelangen sollte. Wichtig ist dem Biografen für ein gebührendes Verständnis Machiavellis und dessen Lehre, diesen als Theoretiker der Macht darzustellen, der nicht im stillen Denkerstübchen seine Gedanken ausbrütete, sondern direkt aus der Lebenspraxis schöpfte und dabei als scharfer Beobachter des politischen Zeitgeschehens und seiner Zeitgenossen auffiel. Im Schreiben sah Machiavelli die Möglichkeit zur Abrechnung „mit den humanistischen Schreibtischtätern“. Reinhardt stellt Der Fürst in die Tradition mittelalterlicher Fürstenspiegel, die aus einer christlichen Perspektive Anleitungen zur guten Herrschaft geben wollten. Gespickt mit moralischen Maximen verfolgten diese Schriften das Ziel, die Mächtigen zu gottgefälligem Regieren anzuhalten: „Der vorbildliche Fürst besaß die Tugenden der Milde, Gerechtigkeit, Selbstbeherrschung, Standhaftigkeit und Aufrichtigkeit.“ Man ist nicht überrascht, dass „Machiavelli, der erfahrene Diplomat und ausgewiesene Menschenkenner“ nicht viel von dieser Sichtweise hielt; die Traktate der Theologen seien in Machiavellis Ohren nicht mehr gewesen als „hohles Geschwätz, das von reinem Wunschdenken diktiert wurde“, spitzt Reinhardt zu und sieht in Machiavellis Einschätzung, dass die humanistischen Handlungsanleitungen in den Untergang führten, den entscheidenden Anstoß, den „falschen Rezepten“ mit seinem Buch vom Fürsten etwas entgegenzusetzen.
Nicht wie es ein vereinfachender „Machiavellismus“ nahelegt, war es Machiavellis Anliegen, Lektionen in Unmoral zu erteilen, vielmehr ging es ihm um die Einsicht, wie politische Ordnung unter schwierigen Bedingungen zu erreichen und zu erhalten ist. Aus Machiavellis Sicht waren die humanistischen Anleitungen mit einem folgenreichen Geburtsfehler behaftet, weil sie seiner Meinung nach auf ein falsches Menschenbild aufbauten, das zu korrigieren sich Machiavelli als erste Aufgabe setzte: „Denn von den Menschen lässt sich Grundsätzliches sagen“, so Machiavelli im Fürst, „Sie sind undankbar, unbeständig, und heuchlerisch, fliehen die Gefahr und gieren nach Gewinn.“ Da die Welt eben nicht so ist, wie die Theologen sie gerne hätten, schließt Machiavelli aus seinen Beobachtungen, könnten ihre Anleitungen auch nichts ausrichten. Machiavelli will nicht ausführen, wie die Welt sein soll, sondern beschreiben, wie sie ist, wie er die Welt und die Menschen wahrnimmt. Im Buch vom Fürsten legte Machiavelli also sein Menschenbild dar, über die Beziehungen zwischen Herrschenden und Beherrschten äußert er sich nicht weiter. Erst in seinem zweiten Hauptwerk, den Discorsi lenkt er den Blick dann auf Staatsführung und Politik. Auch hierbei sind es für Reinhardt die humanistischen Gelehrten, die für Machiavelli den Stein des Anstoßes bilden: Sie würden die Lektionen aus der Antike nicht lernen, sich zwar „in ihre Studien zu Kunst, Ästhetik und Philosophie vertiefen, anstatt sich der Größe des Staates zu widmen“. Hierin wittert Machiavelli einen weiteren Grund für den Niedergang: Denn die perfekte Republik habe nach „Eroberung und Ausdehnung bis an die Grenzen der bekannten Welt“ zu streben.
Bemerkenswert an den Discorsi ist jedenfalls, dass Machiavelli mit dieser Schrift einen republikanischen – und im Hinblick auf sein Fürstenbuch könnte man meinen: anti-machiavellistischen – Standpunkt einnimmt: Stärke nach außen sei nur zu haben, wenn Konkurrenz und Konflikte im Inneren des Staates konstruktiv verliefen und dazu brauche es „juristische Vorsichtsmaßnahmen“, wie Reinhardt schlüssig herausarbeitet: Auch Gesetzesverstöße der Mächtigen gelte es zu ahnden, denn vor dem Gesetz sind alle gleich, so Machiavelli. Hinter dem als skrupelloser Machtpolitiker gelesenen Autor des Fürsten kommt ein zweiter Machiavelli zum Vorschein, den man als Vordenker des Republikanismus zu lesen geneigt ist. Volker Reinhardt ist mit seiner Interpretation vorsichtiger, denn Machiavellis Ideengeber ist gerade nicht der Humanismus, vielmehr folgt Machiavelli dem politischen Gedanken: „Recht ist, was dem Staat nützt.“ Und mit dieser Brille betrachtet bleibt Machiavelli denn doch Machiavellist: „Ruhm und höchstes Ziel des Staates ist und bleibt seine gewaltsame Ausdehnung. Dieser Zweck heiligt alle Mittel. Der Einzelne ist nichts, der Staat ist alles.“
Es ist davon auszugehen, darauf macht Reinhardt aufmerksam, dass Der Fürst und die Discorsi mehr oder weniger zur gleichen Zeit entstanden und „als zwei Seiten der gleichen Medaille“ zu lesen sind. Es ist ein Verdienst von Reinhardts Werk, einen Beitrag zur Auflösung des Missverständnisses zu leisten, das so hartnäckig den Blick auf Machiavelli bestimmt und daraus hervorgeht, dass dieser scharfsinnige Beobachter und kluge Analytiker mit kaum etwas anderem als bloß einem seiner Werke, nämlich dem Fürsten, verbunden wird. Wer diese historische Figur mit ihren die Jahrhunderte überdauernden Gedanken verstehen möchte, dem bleibt keine andere Wahl, als dem gesamten Werk sowie den Zusammenhängen zwischen dessen einzelnen Teilen Beachtung zu schenken. Volker Reinhardt beschreibt Machiavelli als nüchternen Realist und klugen Analytiker der Macht, aus dessen Feder die womöglich gnadenloseste Beschreibung von Herrschaftsausübung stammt, zugleich aber auch der Entwurf der idealen Republik. Dabei arbeitet die Biografie nachvollziehbar heraus, dass diese vermeintliche Antinomie bei genauerer Betrachtung gar nicht so widersprüchlich ist.
Bis heute bleibt Machiavelli mit seinen Gedanken der Trennung von Moral und Politik nicht ohne Einfluss auf die politische Philosophie und Staatstheorie, großen politischen Theoretikern wie Thomas Hobbes bis hin zu Antonio Gramsci im 20. Jahrhundert war er Inspiration – das heißt, von der Rechtfertigung eines starken Staats zur Eindämmung des bellum omnium contra omnes bis hin zum Konzept des „modernen Fürsten“ als kommunistische Partei zur Organisation des kollektiven Willens. An Machiavelli scheiden sich die Geister. Reinhardt plädiert für ein differenziertes Bild des berühmten Florentiners. Wer ihn aus heutiger Sicht für die menschenverachtenden Züge der totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts verantwortlich macht, hat diesen widersprüchlichen Denker genauso wenig verstanden wie diejenigen, die ihn als Vordenker der pluralistischen, Menschenrechte achtenden Demokratie vereinnahmen. Weil man Machiavelli nur dann gerecht wird, wenn man ihn, wie Reinhardt sagt, „aus seiner eigenen Gegenwart heraus versteht“, ist diese Biografie einer so ambivalenten Persönlichkeit unbedingt lesenswert.
Mit seinem fundierten Wissen der neuzeitlichen italienischen Geschichte im Rücken, ist Volker Reinhardt ein Buch gelungen, das einem breiten Publikum eine gewandte Erzählung von Geschichte bietet, die dennoch stets auf hohem Niveau ein Bild von Machiavelli zeichnet, das die üblichen Vorstellungen ins Wanken bringt. Weshalb nun sollte man sich mit einem vor fünf Jahrhunderten verstorbenen Denker und dessen Ideen auseinandersetzen? Eine Antwort mag – ganz entgegen den Maximen des Meisterdenkers der Täuschung – darin liegen, mehr Klarheit zu gewinnen über politische Geschehnisse und Entwicklungen in einer Zeit, in der sich so deutlich wie lange nicht, Politik als fortwährendes Ringen um Macht darstellt.