Sachbuch

Philosophie des Spurenlesens

Baptiste Morizot | Arten des Lebendigseins. Annäherung an das verwobene Leben
ISBN : 978-3-7518-2019-6
Verlag: Matthes & Seitz
Erscheinungsjahr: 20245
332 Seiten

Die ökologische Krise muss zu allererst als Beziehungskrise gelesen werden, meint Baptiste Morizot in seinem Buch Arten des Lebendigseins. Weil wir gewohnt sind, Natur und Kultur auseinanderzudividieren, sei dem Menschen die Fähigkeit abhandengekommen, seine Umwelt mit allen Sinnen wahrzunehmen und ihr das richtige Maß an Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Wir müssen zu Spurenlesern werden, fordert Morizot und zugleich ist ihm das Kunststück gelungen, ein Buch über die ökologische Krise zu schreiben, das voller Poesie steckt und aufmunternd sowie hoffnungsfroh für mehr „kosmopolitische Höflichkeit“ eintritt.

Wer sich hinaus in die „Natur“ macht und genau hinhört, wird verwundert sein, wie laut es in den Wäldern und auf den Wiesen doch ist: Singende, rufende Vögel, summende Insekten, zirpende Grillen, rauschende Blätter, trommelnde Regentropfen – und nicht zu vergessen: die Stille, die nicht schlicht das Fehlen von Klang, sondern etwas Eigenes ist, das hörbar wird. Und es ist nicht nur dieser lebendige Chor an Stimmen und Geräuschen, der akustisch nicht mehr zum Menschen durchdringt, überhaupt sind wir wenig empfindsam für das, was uns umgibt. Die ökologische Krise, so zumindest lautet die These von Baptiste Morizot, ist auch eine „Krise der Sensibilität“. Zumeist, wenn von der ökologischen Krise die Rede ist, rückt recht einseitig die Vielzahl der verschiedenen Phänomene von Umweltzerstörungen als Folge der spezifischen Art und Weise des menschlichen Wirtschaftens ins Blickfeld. Bereits 1962 hat die Wissenschaftsjournalistin Rachel Carson mit ihrem aufrüttelnden Buch Silent Spring (Der stumme Frühling) die Massenvernichtung von Insekten durch den großflächigen Einsatz von Pestiziden angeprangert und mit ihren dramatischen Beschreibungen der zahllosen unerwünschten Folgewirkungen für Menschen und andere Lebewesen die Ökologie-Bewegung in Gang gebracht. Mit dem Ziel, Unkräutern zu Leibe zu rücken, habe der Mensch zugleich „die Stimmen des Frühlings zum Schweigen gebracht".

Auch Baptiste Morizots Buch Arten des Lebendigseins. Annäherung an das verwobene Leben ist ein Buch über die ökologische Krise, jedoch geht es darin nicht um das Massenaussterben und Verschwinden von Wildtieren, den Klimawandel oder die sonstigen Konsequenzen der menschlichen Haltung, die Erde für einen Selbstbedienungsladen zu nehmen, der niemals eine Rechnung schickt. Die sichtbaren Gefährdungen der Existenzgrundlagen alles Lebendigen stellt für Morizot bloß den Ausgangspunkt dar, um den Fokus auf etwas zu richten, das unscheinbarer ist, keine Schlagzeilen produziert und für die Politik schwieriger zu fassen ist: Ausleuchten möchte er den blinden Fleck, der es so schwierig macht, einen Ausweg aus der Umweltzerstörung zu finden und darin besteht, „dass die aktuelle ökologische Krise nicht so sehr eine Krise der Menschen auf der einen Seite und der Lebewesen auf der anderen, sondern vielmehr eine Krise unserer Beziehungen zum Lebendigen ist“.

Wenn Morizot nun diese Krise der Beziehungen zum Lebendigen als eine „Krise der Sensibilität“ beschreibt, ist dies für ihn eine Folge des menschlichen Weltverhältnisses, die Natur zu denaturalisieren und zur Kulisse zu degradieren, vor der sich das menschliche Leben abspielt. Weil der Mensch alle anderen Lebewesen „als ein Reservoir an Ressourcen ansieht, das für die Produktion zur Verfügung steht, als einen Ort der Erholung oder als eine emotionale und symbolische Projektionsfläche“, sei der Kontakt zu den unterschiedlichen Lebensformen verloren gegangen – mit anderen Worten: Das menschliche Lebewesen hat verlernt, Spuren zu lesen. Die Aufmerksamkeit moderner Menschen verschiebe sich hin zu industriellen Produkten, stellt Morizot fest und zitiert eine Studie, wonach nordamerikanische Kinder heute zwar problemlos tausend Markenlogos unterscheiden können, jedoch daran scheitern, Blätter von zehn Pflanzen der heimischen Gegend zu erkennen. Was auf dem Spiel steht, wenn derart das alltägliche Interesse und die Aufgeschlossenheit für die anderen Lebewesen, die mit uns die Erde bevölkern, verkümmert, zeigt sich anhand des französischen Worts sensibilité: Mit dem Verweis auf le sens ist „Sinn“ in seiner doppelten Bedeutung gemeint: Wahrnehmungssinn und Bedeutung. Nicht nur, zeigt sich Morizot überzeugt, ist uns die Fähigkeit abhandengekommen, die lebendige Umwelt wahrzunehmen, dazu noch sind unsere Naturbegegnungen vom Glauben geprägt, „dass es nichts gibt, was zu übersetzen wäre, keinen Sinn, der zu deuten wäre“.

Die Natur als das Andere, der menschlichen Kultur Entgegengesetzte zu denken, ist tief im menschlichen Bewusstsein verankert – so als ob wir uns von der Natur nach Lust und Laune verabschieden, sie hinter uns zurücklassen könnten. Vielleicht ist es keinem Geringeren als Immanuel Kant zuzuschreiben, dass der Mensch für sich einen Weg gefunden zu haben meint, sich aus dem „verwobenen Leben“ herauszulösen: Wohl oder übel muss sich der Mensch, dem Kants Lehre zufolge als vernünftigem Wesen einzig und allein ein absoluter Wert zukommt, als „Krone der Schöpfung“ erleben. Kaum etwas prägt das menschliche Weltverhältnis wie diese der Natur aufgezwungene Hierarchisierung und es kann kaum überraschen, dass die Vorstellung von allem anderen Lebendigen als bloß zweckmäßig jenen Mangel an Aufgeschlossenheit nach sich zieht, der aus Sicht Morizots einen Teil zur ökologischen Krise beiträgt. Dieser menschliche Blick auf den Rest der belebten Welt ist es, der das Offensichtliche aus dem Bewusstsein drängt: dass wir nämlich mit Leib und Seele Teil dieser Welt sind. Denn es ist ja nicht so, dass dort die Welt ist und wir von hier, aus der uninvolvierten Distanz der Vogelperspektive auf das andere Lebendige blicken. Nein, wir sind mittendrin, verstrickt mit allem und sämtliche Geschöpfe dieser Erde sind nicht das Andere, sondern immer schon Mit-Lebewesen, mit denen wir die Erde teilen. Alles fließt ineinander und ist miteinander verbunden über die Ökosysteme, die Grundlage allen Lebens sind. Es gibt kein Außen und kein Leben im Abseits.

Ein großer Teil des Buchs besteht in einer literarischen Erkundung der Natur – so etwa, wenn Morizot seine Leser mitnimmt, einem Wolfsrudel nachzuspüren, in abgelegene Regionen, immer den Spuren nach, um den Wölfen so nah wie nur möglich zu kommen und mit den Tieren Kontakt aufzunehmen. Doch die Verständigung will nicht so recht gelingen, die Wölfe durchschauen das menschliche „Wolfsgeheul“. Das andere Lebewesen, so Morizot, ist „gleichzeitig ein Alien und ein Verwandter“, weshalb der Austausch stets das „Übersetzen von ‚Unübersetzbarem‘“ bleiben müsse. Beim Versuch, andere Lebewesen zu verstehen, bleibt der Sinn „immer in der Schwebe“, weil, wie Morizot sagt, das „perfekte Wörterbuch der anderen Lebensformen“ nicht existiert. Der Bezug auf die Philosophin Barbara Cassin ist an dieser Stelle aufschlussreich: Ihr zufolge verfügen Sprachen über Wörter, die ihr so tiefreifend angehören, dass eine schlichte Übersetzung von Wort zu Wort nicht gelingen kann. Solche Unübersetzbarkeiten bedeuten allerdings nicht das Ende, vielmehr erfordern sie ein immerwährendes Übersetzen und markieren, ganz im Gegenteil, einen Anfang – insofern jede Sprache ihre eigene Welt erschließt. So ist denn auch die Pointe von Morizots Annäherungen an andere Lebensformen, dass es ihm gar nicht darum geht, sie im Detail zu verstehen. Der Wolf soll Wolf bleiben, so wie der Mensch Mensch bleibt. Morizot tappt nicht in die Falle des Anthropomorphismus und jagt der Illusion nach, Zugang zur Welt der anderen bekommen zu können. Vielmehr kreist Morizots Denken um die Einsicht, dass jede Lebensform ihre eigene Art des Lebendigseins hat. Die Frage ist somit nicht, „ob der Mensch ein Tier wie die anderen ist, sondern auf welche Art“. Wenn Morizot nun vom „Verlust“ der Sensibilität spricht, will er ausdrücklich nicht einem „nostalgischen Primitivismus“ das Wort reden. Sein Appell besteht nicht darin, zu einem romantischen Zustand zurückzukehren, den es nicht mehr gibt und den es vielleicht nie gegeben hat. Ganz im Gegenteil: Für Morizot ist nicht immer schon alles besser gewesen, er visiert Neues an, seine Vision zielt auf nicht weniger als die Erfindung neuerneuer Lebensformen.

Vor diesem Hintergrund wird man es dem Buch nicht als Schwäche auslegen dürfen, dass Morizot nun nicht mit praktischen, einfach umsetzbaren Rezepten aufwartet. Klug und bedenkenswert sind seine Anregungen allemal. Wie ein Entrinnen aus den althergebrachten Dualismen möglich ist, zeigt Morizot anhand des medial vielbesprochenen, problematischen Verhältnisses des Menschen zum Wolf auf. In den verwickelten Beziehungen zwischen Hunden, die Schafe schützen, Wölfen, die Schafe töten und Menschen, die Schafe erst zu jenen schutzlosen Wesen gemacht haben, sodass Wölfe für sie zur Gefahr werden, schlägt sich Morizot weder auf die Seite von Naturschützern, um die Interessen des Wolfs um jeden Preis zu verteidigen, noch argumentiert er für wirtschaftliche Interessen, um den Wolf als Störenfried zum Abschuss freizugeben. Stattdessen agiert Morizot als Diplomat, wobei allerdings seine Auffassung von Diplomatie nicht darin besteht, eines der beteiligten Lager zu repräsentieren. Nein, es geht ihm um eine „interspezifische Diplomatie“, die den Gesichtspunkt der Interdependenz in Stellung bringt und das bedeutet: Das gesamte ökologische System gilt es zu verteidigen. Und diese Aufgabe beginnt mit dem Verständnis der Lebensform der anderen Lebewesen in ihrer Andersheit. Der Schutz des Ökosystems als Ganzes, dies ist der springende Punkt, erfordert, dass all jene Beziehungen gestärkt werden, die dieses Ökosystem ausmachen. Arten des Lebendigseins ist mithin die Aufforderung zu dem Experiment, den anthropomorphen Blick abzuschütteln, sich freizumachen von dem Gedanken, der menschliche Maßstab sei der einzig gültige und der Vorstellung Raum zu geben, dass auch einfachere Formen des Lebens Faszinierendes zu bieten haben.

Man sieht schon, Baptiste Morizot ist nicht, was man im Englischen einen Armchair-Philosophen nennt. Er ist vielmehr, wenn man so will, ein eingebetteter Philosoph, eine Art philosophischer Feldforscher, der mitten drin steht in seinem Gegenstand. Auch wenn er gegen die so lebensfremde Vorstellung einer dualistischen Welt anschreibt, klingen seine Gedanken dennoch niemals weltfern, seine Theorien nicht abgehoben. Denn Morizots Sache ist ein Denken, das gesättigt ist vom eigenen Erleben, das zehrt von den Begegnungen mit dem Lebendigen. Nicht nur bringt er das sinnliche Wahrnehmen und Spüren ins Denken hinein, man könnte sogar sagen, dass seine philosophischen Gedankengänge ihren Anfang überhaupt erst in einem kindlichen Staunen und wahrhaftigen Empfinden nehmen. Für Baptiste Morizot, so hat es den Anschein, zählt der Begriff nichts ohne das Affektive. Weil das Lebendige nicht in einer streng begrifflichen Sprache aufgeht, sind die in Morizots Buch versammelten Texte geprägt von einem poetischen Stil sowie einem Rhythmus, der die ganze Energie und Kraft, die in den Beziehungen der Natur steckt, unterstreicht.

Diese – eigentlich unmögliche – Verbindung aus philosophischer Betrachtung und Abenteuererzählung macht das Buch so lesenswert und unverwechselbar. Und es ist diese naturverbundene, spurenlesende Perspektive, die von Anfang an jenem warnenden, besserwisserischen Duktus einen Riegel vorschiebt, in dem die ökologische Krise so häufig abgehandelt wird. Arten des Lebendigseins. Annäherung an das verwobene Leben ist nicht das Plädoyer desjenigen, der immer schon alles kommen sah und überhaupt besser Bescheid weiß. Nein, Baptiste Morizot zeigt schlichtweg eine Änderung der Blickrichtung auf und praktiziert selbst jenes ökologische Denken, welches er als Lösung vorschlägt: Als Außenstehender die Welt unter die Lupe nehmen zu wollen, kommt Morizot erst gar nicht in den Sinn; denn aus dieser Absurdität heraus ist es ja erst gar nicht anders möglich als immer anderswo nach Lösungen für die hausgemachten Probleme zu suchen. Vielmehr ist es sein Anliegen, aus der Unumgänglichkeit der Verwobenheit von allem mit allem heraus den eigenen Blick in den Blick zu bekommen. Es geht Morizot darum, eine Ahnung davon zu geben, wie ein Leben sein könnte, das sich als verwickelt mit allem Lebendigsein dieser Erde begreift und die widersinnige menschliche Haltung überwindet, in einer Welt außerhalb der Welt zu leben. Denn ganz entgegen der üblichen Steigerungslogik des Höher, Weiter, Mehr liegt der Schlüssel dazu, der menschlichen Art des Lebendigseins eine Bedeutung zu geben ganz nah – im eigenen Verhältnis zur Welt.