Sachbuch
Demokratie auf verlorenem Posten
Markus Metz, Georg Seeßlen | Blödmaschinen II. Die Fabrikation der politischen Paranoia
ISBN : 978-3-518-12846-6
Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsjahr: 2025
348 Seiten
Markus Metz und Georg Seeßlen knüpfen an ihre vor einem guten Jahrzehnt vorgenommene Gesellschaftsanalyse an und inspizieren den gegenwärtigen Zustand der Blödmaschinen. Die Logik des Zusammenspiels von Blöd-sein-Sollen und Blöd-sein-Wollen sei weiterhin am Werk, so das Autorenduo, und verhelfe antidemokratischen Kräften zum Aufstieg. Blödmaschinen II geht nun dem Rätsel nach, weshalb liberale Gesellschaften rechtspopulistischen Narrativen so wenig entgegenzusetzen haben und findet eine Antwort in der „Fabrikation der politischen Paranoia“.
Weil Dummheit, wie der französische Philosoph André Glucksmann meint, die „verbreitetste Nebensache der Welt“ ist, kann es nicht verwundern, dass über sie seit jeher viel nachgedacht und geschrieben wurde. Jahrzehnte zuvor wusste auch bereits Robert Musil: „Gelegentlich sind wir alle dumm“. So schlecht und gefährlich kann Dummheit also nicht sein, möchte man meinen. Was aber passiert, wenn Dummheit keine Privatsache mehr ist, sondern politisch wird? Wenn sie, wie Markus Metz und Georg Seeßlen zu bedenken geben, „vom tolerierten Störfall zum systemischen Prozess gerät“, weil sie als allgemeines Abschottungsmittel gegen die Komplexität der Welt begriffen wird? Muss man nicht existentielle Folgen fürchten, wenn Dummheit zum System wird? Es sind keine rhetorischen Fragen, die Metz und Seeßlen durch den Kopf gehen, hält man sich den gegenwärtigen Zustand unserer Gesellschaft vor Augen: Demokratie und Liberalismus, so eröffnen die beiden ihre Gesellschaftsanalyse, haben aktuell einen schweren Stand. Die Errungenschaften der Aufklärung, das zeige das weltweit zu beobachtende Erstarken nationalistischer, sexistischer, rassistischer und terroristischer Kräfte, brechen wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Wo immer in der Welt man sich umsieht, finden rechte Bewegungen verstärkt Zulauf und tobt ein „Kulturkampf“ gegen traditionell linke Milieus, die wiederum mit einem Rückzug in ihre eigenen Blasen reagieren. So weit die Beschreibung der Ausgangslage, an der Metz und Seeßlen am erstaunlichsten die Leichtigkeit finden, mit der die rechten Gruppierungen „zur hegemonialen Bewegung in allen Bereichen des Lebens“ geworden sind. „Uns fällt zu alledem kein anderes Wort ein als: ‚blöde‘“, bringen die Autoren den Status Quo auf einen Begriff, mit dem sie unmittelbar an ihr früheres Buch Blödmaschinen. Die Fabrikation der Stupidität (2011) anknüpfen.
Was aber hat man sich unter den titelgebenden Blödmaschinen vorzustellen? Viele Hunderte Seiten lang buchstabierten Markus Metz und Georg Seeßlen damals ihre These aus, dass sämtliche Wirklichkeit heute durch etwas vermittelt wird, was die Autoren Blödmaschine nennen und sich infolgedessen wandelt, wie öffentlicher Raum organisiert wird. Blödmaschinen können als eine Art Mediationsinstanz zwischen Mensch und Welt begriffen werden, die im Dienste der Bequemlichkeit dem Menschen die Mühe abnimmt, sich ein eigenes Bild von der Welt machen zu müssen. Insofern sind Blödmaschinen auch Verhinderer: Weil sie Einfluss auf die Wirklichkeit nehmen und Kritik ausschließen, machen sie es zunehmend unmöglich, ein Außerhalb zu denken.
Maschinen, das muss man wissen, sind für Metz und Seeßlen keine mechanistischen, werkzeugartigen Objekte, sondern werden im Sinne von Medien gedacht, insofern sie den menschlichen Wahrnehmungs- und Handlungsraum mitkonfigurieren. In einer zeitgenössischen Wendung jener als Verblendungszusammenhang erscheinenden Kulturindustrie bekomme man es heute mit einer Verblödungsindustrie zu tun, die derselben Logik folgt, wie sie Theodor W. Adorno und Max Horkheimer beschrieben: Alles wird industrialisiert, standardisiert und konform gemacht, weil Produktion immer auch den Konsum reguliert. Analog entfalten Blödmaschinen jene gesellschaftlichen Praktiken, die in einen Regelkreis münden, in dem der Unterschied zwischen Sender und Empfänger, Produzenten und Konsumenten aufgehoben ist und das „bürgerliche Subjekt“ verlorengeht: Blödmaschinen stellen kulturelle Teilsysteme dar, die ebenso verblödet sind wie sie verblöden. Anhand des Paradebeispiels der BILD-Zeitung leuchtet unmittelbar ein, dass nicht die Blödheit selbst das „Wesen (und das Rätsel) der Blödmaschine“ sei, wie Metz und Seeßlen betonen, sondern das Einverständnis mit ihr. Denn die unterhaltsame Inszenierung sei das Mittel der Wahl, auf das denn alle Blödmaschinen von Fernsehen und Boulevardpresse bis zu Werbung und Politik zurückgreifen, um Unterhaltung um jeden Preis zu liefern und den Wunsch nach immer mehr zu erfüllen. Es ist daher nicht „Inszenierung“ allein, darauf kommt es den Autoren an, vielmehr entstehe durch den „gemeinsamen Genuss der Blödheit“ eine Totalverblödung, der nicht zu entrinnen ist: Die einen wissen es nicht besser und sollen es auch nicht wissen und die anderen stellen sich dümmer als sie sind.
Der um sich greifende Rechtsextremismus mit seinen wirkmächtigen Erzählungen ist nun Anstoß für die Fortsetzung der vor einem guten Jahrzehnt veröffentlichten Beschreibung der Verblödungsmaschinerie. Blödmaschinen sehen Metz und Seeßlen weiterhin am Werk und so spüren sie der Frage nach, weshalb unsere Gesellschaft den rechtspopulistischen Erzählungen so wenig entgegenzusetzen hat. Dabei ist es die scheinbar formelhafte und halbherzige Ablehnung des Rechtsrucks, die in der aktuellen Situation für Metz und Seeßlen die Etikettierung als „blöde“ herausfordert. Was ist bloß passiert, dass der Aufschwung rechtsextremer Kräfte trotz Skandalen, verbalen Ausfällen und verblendeten Narrativen nicht aufzuhalten ist? Richtig! Die Verblödungsmaschinerie läuft auf vollen Touren und das heißt, die Gesellschaft, die sich für eine offene hält, ist der Verblödung – und damit dem Aufstieg der antidemokratischen, rechtspopulistischen Bewegung – nicht einfach bloß zum Opfer gefallen, nein, sie mischt nach Kräften mit, die Errungenschaften der liberalen Gesellschaft zunichte zu machen.
Außer Frage steht für Metz und Seeßlen, dass die neoliberale Wirtschaftsordnung einen großen Anteil zum Erstarken der rechtsextremistischen Bewegungen beiträgt. Die moderne Fortschrittserzählung, so ihre Analyse, hat an Glaubwürdigkeit verloren, Menschen fühlen sich abgehängt und allein stehengelassen. Immer stärker setzt sich das allgemeine Gefühl durch, dass es Fortschritt nur noch für wenige gäbe, und zwar auf Kosten der anderen. Wo nun die Fortschritte der einen als die Rückschritte der anderen betrachtet werden, hat der Rechtsextremismus leichtes Spiel: „Die Angst vor dem Verschwinden der Zukunft treibt die Bürger ins Phantasma einer Vergangenheit, die es nie gab.“ Die rechte Erzählung wird von Metz und Seeßlen als Blödmaschine gedeutet: Sie erklärt und legitimiert und verspricht einen Ausweg, wobei es immer dieselben Versatzstücke sind, die in den populistischen Narrativen zum Einsatz kommen – vom „Volk“ und den „Eliten“ ist da die Rede, von „Lügenpresse“ und „Überfremdung“ wird schwadroniert und von einer Vergangenheit, die immer schon besser war als die Gegenwart und die es sich folglich zurückzuholen gilt. Natürlich lässt sich jedes einzelne Teil dieser Erzählung ohne große Mühe als blanker Unsinn entlarven, doch der Umstand, dass eine Blödheit auf die nächste verweist und sie damit bestätigt, lässt insgesamt ein Bild entstehen, das in sich geschlossen und gut abgeschirmt ist gegen die äußeren Widersprüche. Es ist diese „Große Erzählung der Rechten“, welche Metz und Seeßlen als Transformationsmedium identifizieren, um Anhängern einen „neuen inneren Kern“ zu verpassen.
Was nun trägt das Konzept der Blödmaschine dazu bei, um den Aufstieg der rechtsextremen Kräfte zu erklären? Zunächst muss gesagt sein, dass vieles nicht neu ist, wovon Blödmaschinen II handelt. Davon, dass die Fortschrittserzählung nicht mehr trägt, populistische Bewegungen alternative Erzählungen bieten und der Neoliberalismus immer an allem schuld ist, hat man auch anderswo bereits gehört. Indem Metz und Seeßlen ihr Konzept der Blödmaschinen zur Erklärung der Wirkmacht des rechten Mythos anwenden, schärfen sie die Konturen und machen deutlich, dass es nicht weiterhilft, die offene Gesellschaft gegen ihre neuen Feinde auszuspielen. Denn der Rechtspopulismus fällt nicht von außen über eine Gesellschaft her, sondern wird von ihr selbst hervorgebracht. Ansatzpunkt für Veränderungen können demnach nur die gesellschaftlichen Verhältnisse sein: Es muss den Blödmaschinen an den Kragen gehen, weil sie es sind, die das Denken, Sprechen und Handeln vernebeln.
Wie aber ist den Blödmaschinen zu entkommen? Am Ende ihres ersten Buches weisen Metz und Seeßlen darauf hin, dass deren Herrschaft darauf gründet, „die Welt undenkbar und damit unveränderbar zu machen“, weshalb naheliegenderweise also der Schritt gemacht werden müsse, die „Welt wieder denkbar und veränderbar zu machen“. Aber wie soll dies gelingen? Wer auf konkrete Lösungsvorschläge wartet, wird von dem Buch enttäuscht werden, soviel sei an dieser Stelle verraten. Damit soll keine Kritik ausgedrückt werden, denn selbstredend macht es sich zu einfach, wer ein Zehnpunkteprogramm gegen den Rechtsextremismus erwartet. So bleiben Metz und Seeßlen bei ihrer Suche nach einem Ausweg denn auch im Vagen und schlagen vor, dass es wohl „[g]anz allgemein“ darum gehen müsse, „eine neue Erzählung von Fortschritt zu beginnen“. So weit, so gut. Ratlos lässt einen zurück, was die Autoren dann als Voraussetzung dafür nennen, nämlich: „die schlichte, aber schmerzhafte Erkenntnis, dass der Rechtsextremismus ein Ergebnis der politischen Ökonomie, Kultur und Psyche ist, die man unter dem vagen Namen ‚Neoliberalismus‘ zusammengefasst hat“. Man reibt sich die Augen und wüsste gerne, wie es der Faschismus früherer Zeiten, in Deutschland und Italien etwa, an die Macht geschafft hat.
Die Passage lässt sich nicht anders denn als Bestätigung des sich im Laufe der Lektüre erhärtenden Verdachts lesen, dass der Neoliberalismus als Pappkamerad dient. Überhaupt zählt es zu den großen Ärgernissen dieses Buches, dass Analysen immer wieder zugunsten von Rundumschlägen übersprungen werden, die nicht dem geringsten argumentativen Gegenwind standhalten müssen. Natürlich spielen Metz und Seeßlen mit der Provokation, allerdings um den Preis, an vielen Stellen undifferenziert über vieles hinweg zu wischen, wo nuancierte Auseinandersetzung gutgetan hätte. Ohne Zweifel haben die Autoren ihre Freude an der häufig ins Polemische abgleitenden Beschreibung der gegenwärtigen Zustände, eröffnen aber zugleich tiefe Einsichten in die Prinzipien des Denkens und der Propaganda „rechter Blödmaschinen“.