Biographie
Heitere Entdeckungen dann, in Gottes Namen
Tilmann Lahme | Thomas Mann. Ein Leben
ISBN : 978-3-423-28445-5
Verlag: dtv
Erscheinungsjahr: 2025
592 Seiten
In seiner fulminanten Thomas-Mann-Biografie präsentiert Tilmann Lahme den großen deutschen Schriftsteller in einem gänzlich neuen Licht. Die Homosexualität des Schriftstellers wird in diesem Buch nicht länger als Nebensächlichkeit abgetan, sondern als Schlüssel zum Verständnis von Thomas Manns Werk begriffen. Mit dieser Fokussierung gelingt Tilmann Lahme etwas Erstaunliches: Ein bislang unbekannter Thomas Mann kommt zum Vorschein und so deutlich wie nie zuvor zeigt sich, wie das Ringen mit einem zur Heimlichkeit verdammten Leben das Schreiben des Nobelpreisträgers prägte.
Mit jeder der fast 600 Seiten der von Tilmann Lahme vorgelegten Thomas-Mann-Biografie drängt sich stärker die Frage in den Vordergrund: Wie konnte dieser vielleicht größte deutsche Schriftsteller des 20.Jahrhunderts jemals anders denn als homosexueller Autor gelesen werden? Zuhauf bestehen Parallelen und Verknüpfungen zwischen Thomas Manns Lebenswirklichkeit und seinen fiktiven Geschichten. Anschaulich und klar stehen diese Verflechtungen vor Augen, wenn man etwa an den Bleistift denkt, der seine Spur durch den Zauberberg zieht, dabei aber kein reines Objekt der Fiktion ist, wie Tilmann Lahme aufzeigt, sondern ein reales Vorbild hat: Sowohl in dem großen Roman Thomas Manns als auch im Leben des Schriftstellers ist der Bleistift mehr als bloß ein Bleistift, vielmehr ist das Schreibgerät Symbol für (homo)erotische Annäherungen. Was seinen Ausgang mit einer Schwärmerei Thomas Manns für einen Mitschüler nahm, fand in Form einer Erinnerung des Hans Castorp Eingang in Der Zauberberg: Nur ein einziges Mal wagt der Schüler Thomas Mann beziehungsweise sein fiktives Alter Ego den angehimmelten Schulkameraden auf dem Schulhof mit der Bitte anzusprechen, ihm für die Zeichenstunde einen Bleistift zu leihen. Diese schlichte und flüchtige Begegnung sollte sich als eindrückliche Begebenheit herausstellen, die langanhaltende, intensive Gefühle auslöste, welche Thomas Mann im Roman verarbeitete.
Für seine Bücher schöpfte Thomas Mann ausgiebig aus seinem eigenen Leben. Erfahrungen und Empfindungen fanden ebenso Eingang in sein Werk wie sich Freunde und Bekannte in den Romanfiguren wiederfanden. Gerade weil Thomas Mann in seinem Schreiben derart um sich selbst kreiste, ist es doch verwunderlich, dass seine Homosexualität zwar schon lange als offenes Geheimnis gilt, weniger aber als wesentlich prägender Faktor seines literarischen Schaffens betrachtet wurde. „Er muss einen Tropfen eigenes Blut in die Tinte geben, wenn er schreibt“, beginnt Tilmann Lahme seine kenntnis- und detailreiche Biografie eines der bedeutendsten deutschen Schriftsteller, um eben jene Verflochtenheit des Schriftstellerlebens mit der Fiktion auf den Punkt zu bringen.
Mit seiner lesenswerten Biografie glückt es Tilmann Lahme auf wunderbare Weise, dem Blut in der Tinte, das heißt: dem Eigenen im Fiktiven, nachzugehen und solcherart einen neuen Blick nicht nur auf das Leben des Schriftstellers, sondern zugleich auf sein Werk zu eröffnen. Denn mit dem Bleistift, könnte man, ein Exempel herausgreifend, sagen, wird für den unterrichteten Leser gleichsam eine zusätzliche Bedeutungsebene in Thomas Manns Geschichten eingezogen. Wer um die realen Vorlagen aus dessen Leben weiß, dem fällt es wie Schuppen von den Augen und kann den Bleistift nicht länger bloß als – unschwer zu erkennendes – Phallussymbol lesen. Vielmehr werden die Bleistiftszenen in vollkommen anderem Licht erscheinen, fokussiert doch der Bleistift wie ein Brennglas all jene Sehnsüchte und Begehren, die Thomas Mann zeit seines Schriftstellerlebens in Zeiten, in denen Homosexualität als Perversion und Krankheit galt, unter Verschluss zu halten gelernt und sich gezwungen hatte. Das sich hinter dieser Fassade abspielende Seelendrama findet gleichsam über den Weg des symbolischen Bleistifts Eingang in das Werk.
Eines muss gleich gesagt werden: Wer eine lückenlose Nacherzählung des Lebens des großen deutschen Schriftstellers erwartet, wer angesichts des umfangreichen Buchs davon ausgeht, alles zu erfahren, was es über Thomas Mann zu erfahren gibt, wird enttäuscht werden. Lahme blendet viele Facetten aus, schiebt einige Erzählungen und Romane ins Rampenlicht, während andere Werke im Schatten bleiben. Gleichermaßen hält Lahme es mit den Lebensphasen: Die späten Jahre in Zürich etwa sind stark unterbelichtet. Die Herangehensweise des Literaturhistorikers folgt nicht einer Logik des Nacherzählens von Anfang bis Ende, vielmehr beleuchtet Tilmann Lahme das Leben des Literaten aus der Perspektive dessen unausgelebter Homosexualität. Und dies gelingt Lahme derart meisterhaft, dass dennoch nichts Wesentliches fehlt und sich ein schlüssiges Ganzes ergibt. Diese Vorgehensweise des Weglassens, das extreme Fokussieren erweist sich als Kunstgriff, mit dem es gelingt, Thomas Manns Leben keineswegs bruchstückhaft und einseitig darzustellen, sondern das Gefühl zu geben, den Dargestellten wirklich kennenzulernen – auf eine andere Weise als bisher, vollständiger möchte man sagen.
Für sein mit humorvollen Seitenhieben gespicktes Buch greift Tilmann Lahme auf Quellen zurück, die bislang unbekannt waren oder unberücksichtigt blieben. Vor allem Briefe, die zwischen Thomas Mann und seinem Jugendfreund Otto Grautoff gewechselt wurden, zeigen einen neuen, ja, ganz anderen Thomas Mann. Auch Grautoff war homosexuell und haderte mit dem unaufrichtigen Leben nicht weniger als Thomas Mann, wobei letzterer selbst zensierend dafür sorgte, dass die brieflich ausgetauschten Geheimnisse nicht ans Tageslicht der Öffentlichkeit kamen. Zugleich aber war Thomas Mann offenbar eine eigentümliche Mitteilsamkeit eigen, die Tilmann Lahme heute das Kunststück erlaubt, mit seinem Buch im Thomas-Mann-Jahr, dem 150. Geburtstag des Literaten, ein nochmals anderes Licht auf jene deutsche Schriftstellerfamilie zu werfen, die wie kaum eine andere ausgeleuchtet wurde. Gerade die Tagebücher werfen für Tilmann Lahme die Frage auf, ab welchem Zeitpunkt der Schriftsteller wohl den Blick über die Schulter beim Schreiben mitdachte und in Wahrheit nicht für sich selbst, sondern für ein Publikum schrieb. Schließlich war es Thomas Mann selbst, der diese wichtigsten Zeugnisse seiner Homosexualität – jedenfalls den größten Teil davon – nicht etwa vernichtete, sondern testamentarisch die Veröffentlichung der Tagebücher verfügte – und dies ist aus zweierlei Gründen bemerkenswert: Zum einen merkte Thomas Mann selbst an, die Sammlung sei ohne literarischen Wert, zum anderen offenbarten die Einträge deutlich das gehütete Geheimnis.
Allerdings war es nicht Thomas Mann allein, der sich um sein Bild in der Öffentlichkeit sorgte. Auch Nachlass-Verwalter, darunter auch der jüngste Sohn Michael, kümmerten sich darum, Thomas Mann in geeignetem Lichte erscheinen zu lassen, indem „verfängliche“ Stellen gestrichen und ganze Briefe verschwinden gelassen wurden. Frappierend an diesen Vernebelungstaktiken der Thomas-Mann-Forschung ist, dass selbst in jüngerer Zeit das Thema Homosexualität stets der sprichwörtliche Elefant im Raum bleibt und mehr schlecht als recht umschifft wird, in einer „atemberaubenden“ Art der „Beweisführung“, wie Lahme schreibt: „Thomas Mann heiratet. Otto Grautoff heiratet. Also sind sie nicht schwul. Alle Sorgen unnötig“ Mit einigem Befremden zeichnet Tilmann Lahme nach, wie Biografen Thomas Mann vor sich selbst in Schutz zu nehmen versuchen und „einen anderen Thomas Mann als den wirklich vorliegenden [inszenieren]“.
Was immer auch Thomas Mann war, stets war er ein Darsteller seiner selbst. Das, was war, aber nicht sein durfte, verstand der Nobelpreisträger in einer Weise darzustellen, dass Homosexualität in seinen Werken zwar durchgehend ihren Platz fand, doch nie als Selbstbekenntnis gelesen wurde. Beinahe könnte man sagen: Nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ gelang es Thomas Mann gerade durch Entbergung sein Geheimnis zu verhüllen. Entsteht solcherart der Eindruck vom Schriftsteller als Hochstapler, wünscht man sich, Lahme hätte der Hochstaplergeschichte von Felix Krull eine prominentere Rolle in der Biografie zugestanden. Es hätte aufschlussreich sein können.
Kaum ein deutscher Schriftsteller kann es an Strahlkraft mit derjenigen Thomas Manns aufnehmen. Tilmann Lahme kommt das große Verdienst zu, eine zentrale Schlüsselfigur der deutschen Literaturgeschichte als einen widersprüchlichen, zerrissenen Menschen, der zeitlebens größte Mühe aufbringt, eine gesellschaftlich erwartete Fassade zu wahren, um jenen Traum zu verwirklichen, den er bereits in frühen Jahren gefasst hatte: als Schriftsteller in der Mitte der Gesellschaft zu leben. Lahmes Biografie lässt keinen Zweifel daran, dass das innig gehütete Geheimnis Thomas Manns keine Privat- und Nebensache darstellt, die sich ebenso gut ignorieren ließe. Vielmehr bildet die Homosexualität des Schriftstellers für den Literaturhistoriker nicht nur den Dreh- und Angelpunkt von Thomas Manns Leben, sondern zugleich den Schlüssel zum Verständnis des Werks. Dass Thomas Mann dies genauso sah, dass er ein Verlangen hatte, den Blick hinter die Fassade freizugeben, um Dinge geradezurücken, spricht aus einer lakonischen Tagebuchnotiz aus dem Jahr 1950, in der der Schriftsteller sich Gedanken machte, die Tagebücher zu versiegeln, um sie Jahre nach seinem Tode der Nachwelt zugänglich zu machen: „Heitere Entdeckungen dann, in Gottes Namen. Es kenne mich die Welt, aber erst, wenn alles tot ist.“