Sachbuch

Singularität als Verdachtsfall

Ralf Konersmann | Außenseiter. Ein Essay
ISBN : 978-3-10-397629-8
Verlag: S. Fischer
Erscheinungsjahr: 2025
160 Seiten

In seinem Essay Außenseiter denkt Ralf Konersmann über Abweichler und Störenfriede, Andersdenkende und Anderslebende nach und entlarvt die Gesellschaft der Gleichgesinnten als Mythos – die Moderne braucht den klaren Blick aus dem Abseits. Mit seinem philosophischen Essay lädt Konersmann zu einer Tour quer durch die Geschichte des abweichenden Denkens ein – von der Antike bis zu den sogenannten Querdenkern – und formuliert ein eindringliches Plädoyer fürs Selbstdenken.

Wer als Außenseiter bloß jene versteht, die nicht dazugehören, weil sie irgendwie anders sind, die schrägen Vögel dieser Welt, macht es sich zu einfach. Bei genauerer Betrachtung lässt schon das Wort als solches vermuten, dass die Sache nicht ganz so simpel ist. Eine „Merkwürdigkeit“ sei das Wort, mit dieser Feststellung beginnt Ralf Konersmann seinen großartigen Essay, in dem er einen erhellenden Blick auf die Mechanismen und Strategien des Begrenzens und Ausgrenzens wirft.

Der Begriff „Außenseiter“ besticht durch Anschaulichkeit und impliziert ein räumliches Verständnis des Sozialen, wonach es ein Außen gibt sowie ein Inneres, eine Mitte sowie Ränder. Schon das Buchcover ist ein mehr als deutlicher Fingerzeig, worum es Konersmann geht: Raffaels berühmtes Fresko „Die Schule von Athen“ zeigt zentrale Figuren der antiken Philosophie und wartet mit reichhaltiger Symbolik auf. Aus einem Torbogen treten Platon und Aristoteles in Richtung der Bildmitte, umringt von einer Schar weiterer Denker. Auf den Stufen unterhalb lagert Diogenes dem Philosophenduo demonstrativ im Weg – aber man kennt es nicht anders von dem in der Tonne lebenden Philosophen: mit seinen provozierenden, zum Nachdenken anregenden Auftritten und seiner Gleichgültigkeit gegenüber Konventionen tanzt er immer wieder aus der Reihe. Das berühmte Bild zeigt ihn lesend und vom Geschehen abgewandt und bringt damit das Paradoxe auf den Punkt: mitten drin zu sein und doch nicht zugehörig.

Eben darin besteht das „Merkwürdige“, das Konersmann in seinem Buch anhand der Außenseiterfigur beleuchtet. Dazu kommt noch, dass der Begriff des Außenseiters immer auch Grenzziehungen impliziert. Dies wiederum wirft viele Fragen auf: Wie entstehen Gruppen, die sich anderen verschließen? Wer entscheidet über Ein- und Austritt? Wer ist drinnen und wer ist draußen? Es darf nicht übersehen werden, dass Grenzziehungen immer von einem bestimmten Standpunkt aus erfolgen, niemals von neutraler Position. Dabei ist die folgenreiche Pointe in Konersmanns Essay, dass es immer diejenigen sind, die drinnen sind, welche mit dem Anspruch, das Allumfassende zu vertreten darüber entscheiden, wer zum Außenseiter wird. Darin liegt der Grund, weshalb Außenseitertum aus sozialer Sicht interessant ist: Denn mit der Grenzziehung ist stets eine Selektion verknüpft, wer dazugehört und wer nicht. Mit einer solchen Ab- oder Ausgrenzung ist nicht selten das Beschneiden von Möglichkeiten und Chancen verknüpft. Wo Grenzen gezogen werden, dort geht es um die Verteilung von Teilhabechancen, um ein Abdrängen und Ausgrenzen. Doch die Frage der Teilhabe sozialer Randexistenzen ist nicht Thema des Essays, denn allemal kann die durch die implizierte Topologie des Begriffs entstehende Dynamik auch umgekehrt gelesen werden: Anstatt von Ausgrenzung zu sprechen, lässt sich die Bewegung auch als Flucht, als absichtsvolles Sich-Absetzen deuten.

In beiden Richtungen führt diese Doppelbewegung allerdings ins soziale Abseits. Doch könnten die jeweiligen Abseitspositionen kaum unterschiedlicher sein. Bereits Hans Mayer hat sich 1975 in seinem – ebenso „Außenseiter“ betitelten Werk – dieser Differenzierung gewidmet und intentionelle von existentiellen Außenseitern unterschieden, wobei sein Interesse Ersteren galt. Mit seiner brillanten Geschichte der Ausgrenzung beleuchtete er das Schicksal von Frauen, homosexuellen Männern und Juden. Es ging Mayer also um jene, die durch Geburt oder Herkunft eine nicht abzulegende Andersartigkeit aufweisen, die sie in der Gemeinschaft fremd bleiben lässt und auf Abstand hält. Bei Konersmann hingegen dreht sich alles um die selbstgewählten Abweichler, jene also, die durch eigene Absicht ausscheren, die nicht durch Geburt, sondern durch die Entscheidung, sich des eigenen Verstands zu bedienen Normen brechen und im Abseits stehen. Eine Provokation für die Mehrheit der Gemeinschaft liegt in beiden Arten des Außenseitertums.

So unterschiedlich die Ausgangspunkte, in ihrer Schlussfolgerung treffen sich Mayer und Konersmann, wenn beide Aufklärung als „permanente Revolution“ betrachtet wissen wollen, wie Hans Mayer das Erfordernis beschreibt, auf Verbesserungen und Lösungen zu dringen, sich nicht mit Erreichtem zufriedenzugeben und sich mit formalen Rechten und Freiheiten abzufinden, wenn deren materielle Verwirklichung noch aussteht. Kann es Freiheit dann nur in den Randzonen der Gesellschaft geben? Weil wahre Freiheit angewiesen ist auf den Angriff auf gesellschaftliche Normen, das Ausbrechen aus der Einheitlichkeit, das Verlangen, sein Leben nach den eigenen Vorstellungen zu leben? Ralf Konersmann lässt keinen Zweifel daran, dass sich der hierbei mitschwingende Appell zum Selbstdenken letztlich an alle richtet – alle können willentlich die normierten, ausgetretenen Pfade verlassen die althergebrachte Ordnung in Frage stellen, einen Neuanfang wagen und damit zum Außenseiter werden. Somit ist Außenseitertum, dies zeigt Konersmanns Essay überzeugend, kein Thema an den Rand der Gesellschaft gedrängter Minderheiten, sondern betrifft die Gesellschaft in toto.

Natürlich könnte man einwenden, dass die Rede vom Außenseitertum ja nur dann sinnvoll ist, wenn dabei klar feststeht, im Hinblick worauf der als Außenseiter markierte denn ein solcher ist. Menschen sind vieles zugleich und führen ihr Leben, indem sie in mancher Hinsicht mit dem Strom schwimmen, in anderer aber womöglich auf Abwegen unterwegs sind. Legt man die Vielfältigkeit von Personen zugrunde und geht davon aus, dass Menschen durchaus verschiedene – mitunter auch widersprüchliche – Dimensionen in sich vereinen können, von denen zwar manche zum Außenseitertum Anlass geben, andere jedoch nicht, verliert der Begriff dann nicht an Kontur? Kann die Außenseiterkategorie für das echte Leben echter Menschen viel aussagen? Man wird Ralf Konersmann zugutehalten müssen, dass nicht schon jedes Dagegensein zum Außenseiterdasein qualifiziert. Weil Außenseiter ins Risiko gehen, ihren gewohnten Platz unter den anderen aufgeben und den Schritt in die Isolation wählen, sind die selbsternannten Querdenker auch keine Außenseiter in diesem Sinne. Kurz gesagt: Als theoretisches Konstrukt ist die Figur des Außenseiters, nimmt man sie denn ernst, äußerst hilfreich, um jene Machtkonstellationen zu untersuchen, die sich daraus ergeben, dass die Gruppe der fraglos Zugehörigen Plätze für jene vorsieht, die eben dieser Gruppe fernbleiben sollen und welche Bedeutung dem Selbstdenken in diesem Ringen um Deutungshoheit zukommt.

Der Außenseiter, soviel steht für Ralf Konersmann fest, ist ein Kind der Moderne, aber zugleich war er nie so wichtig wie heute. Wo es zuvorderst um die Sicherung des eigenen Zusammenhalts geht, der „Traum von einer „Gemeinschaft der Gleichgesinnten“ geträumt und es dem „großen, konsensseligen Wir“ zuallererst darum geht, „gängige Auffassungen in gängigen Formulierungen vorzutragen“, gerät aus dem Blick, dass immer wieder aufs Neue verhandelt werden muss, worin denn die Normalität, auf die man sich „drinnen“ so gerne beruft, eigentlich besteht. Auch wenn es in modernen Gesellschaften gelingt, Abseitigkeit und Andersartigkeit anzuerkennen, Andere und Fremde zu integrieren – und zwar in dem Bewusstsein, dass alles – oder nichts? – normal ist, dann darf zugleich nicht vergessen werden, dass Normalität ihre Konturen erst durch die Kennzeichnung des Fremden gewinnt.

In seinem Exkurs über den Fremden hat Georg Simmel im Fremden eine Instanz gesehen, die allererst eine objektive Sicht auf die eigene Gesellschaft erlaubt. Denn dessen Stellung sei als „zugleich nah und fern“ charakterisiert, weil Fremde, wenngleich als Außenseiter, Teil der Gruppe sind, wobei deren Inklusion immer „ein Außerhalb und Gegenüber einschließt“. Der fremde Blick erlaubt gewissermaßen aus der Vogelperspektive auf das Eigene zu blicken, keine Tradition und Eingewöhnung trübt den Blick. Ohne Auseinandersetzung mit Außenseitern finden Gesellschaften kaum zu einem Selbstverständnis; die Andersdenkenden und Anderslebenden, die Querulanten und Sonderlinge werden benötigt, um sich an ihnen abzuarbeiten, um auf diesem Wege zu einer Vorstellung von sich selbst zu gelangen und „aus der Höhle des Jargons herauszutreten“.

Nun könnte man meinen, dass eben dies im Internet Alltag ist –im Cyberspace gibt es keinen Mangel an abseitigen Standpunkten. Gerade weil Konersmann dem Außenseiter eine derart gewichtige Rolle beimisst, wäre eine Auseinandersetzung mit der digitalen Welt interessant gewesen. Einer Welt, die für viele zur täglichen Lebenswelt zählt, in der es allerdings statt geteilter Normalität Tausende von Nischen gibt, in denen noch jeder Nestwärme findet. Häufig wird das Soziale heute ja anhand der Netzwerkmetapher beschrieben anstatt mit der topologischen Vorstellung von Mitte und Rand. Ist es nicht so, dass in einer Epoche der immer dichteren und stets weiter ausufernden Vernetzung jeder potentielle Außenseiter sogleich von irgendeiner Bubble aufgenommen wird, mithin ein Stehen im Abseits kaum noch möglich erscheint? Im Netz scheint eine Auffassung des Sozialen der einen Mitte mit ihrer Peripherie passé – an deren Stelle tritt die Vorstellung eines Systems aus unzähligen Blasen, die Rand- und Außenpositionen per se ausschließt. Was passiert, wenn der Gesellschaft ihre Ränder abhandenkommen, weil ein Netzwerk solche genauso wenig kennt wie eine Mitte? Aber möglicherweise gibt ja die heute gelebte Netzkultur mit ihren Shitstorms und entgleisten Debatten einen guten Eindruck davon, was droht, wenn der Außenseiter einen schweren Stand hat.

Mit seinem klugen philosophischen Essay skizziert Ralf Konersmann auf lesenswerte Weise eine Topographie des abweichenden Denkens und macht keinen Hehl daraus, dass Außenseitertum kein zu vermeidendes Übel darstellt – ganz im Gegenteil. Es gelingt Konersmann, in sechs Kapiteln nicht nur ein neues Licht auf die Figur des Außenseiters zu werfen, sondern auch zu zeigen, dass das gezielte Unterlaufen von Festlegungen kein Angriff auf den Zusammenhalt der Gesellschaft ist, vielmehr ihr stärkster Garant.